Zur Startseite

*IRGENDWAS MIT FILM

Alle vier Wochen stellen wir hier exklusiv ein Kapitel des Buches *Irgendwas mit Film von Bent Evers vor. 45 Interviews mit Filmschaffenden in den unterschiedlichsten Berufen. Hier könnt ihr euch das Buch bestellen!

Die letzten vier Wochen konntet Ihr das Intereview mit Maren Eichler, Kostümbildassistentin hier lesen. Ab heute geht es um Pascal Biermann, Produktionsleiter!

Geboren 1987, brach sein Studium ab, um eine Ausbildung als Kaufmann für audiovisuelle Medien bei einer Kölner Fernsehproduktionsfirma zu machen. Studierte zwei Semester Produktion an der Filmuniversität Babelsberg, bevor er als Aufnahmeleiter für verschiedene Entertainment-Formate arbeite, unter anderem mit Joko und Klaas. Schaffte über Beschäftigungen bei verschiedenen Produktionsfirmen den Aufstieg zum Produktionsleiter und wechselte schließlich von der Non-Fiction* zur Fiction*. Wohnt in Hamburg.

Juni 2022

Pascal, was macht man als Produktionsleiter beim Film?
Als Produktionsleiter bist du verantwortlich für die Gesamtorganisation des Projekts und dafür, dass gegebene Budget umzusetzen und im Rahmen zu halten. Die Organisation beinhaltet diverse Unterpunkte: die Infrastruktur, die Motive*, das Team und so weiter. Das Ganze muss dann in das finanzielle Korsett passen. Korsett hört sich an, als ob es immer zu eng wäre, das ist nicht so, aber fühlt sich immer so an. Wenn du einen Film für 10.000 € an der Uni drehst, ist es zu wenig Geld, wenn du einen Tatort für 1,7 Millionen € drehst, ist es zu eng, und wenn du eine Netflix-Produktion für 20 Millionen € drehst, ist es auch zu wenig. Ich bin zwar nicht der Wohlfühl-Minister, aber mir ist auch wichtig, dass die Leute gerne in der Produktion arbeiten. Deswegen geht es nicht nur um Orga und Kohle, sondern auch um gute Produktionsabläufe. Wenn ich die Leute anrufe, die ins Team kommen sollen, ist das der erste Kontakt zur Produktion. Wenn der schon scheiße ist, ist das für das Produkt am Ende auch nicht gut. Ich versuche, dass die Leute sich abgeholt und wohlfühlen.
 
Lass uns mal durch einen beispielhaften Produktionsablauf gehen. Wie verläuft die Vorbereitung für dich?
Bei einem Fernsehfilm bekommst du als PL sechs Wochen Vorbereitung. Zu dem Zeitpunkt stehen schon einige Personalentscheidungen, andere noch nicht. Ich nehme mir dann zuerst eine Stabliste und arbeite die von oben nach unten durch. Das dauert zwei, drei Tage. Dabei ergeben sich die ersten Baustellen, weil vielleicht das Wunsch-Catering nicht kann und die gewünschte Szenenbildassistenz auch nicht. Der Aufbau des Personals und der Infrastruktur bestimmt die ersten ein, zwei Wochen meiner Arbeit. Ich lese auch die Drehbücher und überlege, was für das Projekt wichtig ist. Gibt es Stunts, ist es ein historischer Film, müssen wir Kostümproben machen? Man muss die Dinge rauslesen und priorisieren und damit einen Zeitplan aufstellen. Wir sind zum Beispiel gerade vier Wochen vor dem Dreh, heute hat unser Außenrequisiteur angefangen. Der hat zunächst natürlich viele Fragen, da muss ich einfach Antworten haben. Und mit all diesen Fragen und Antworten muss ich mich irgendwann auch um die Finanzen kümmern. In der Vorbereitungsphase finden Motivbesichtigungen*, Drehbuchbesprechungen, Kostümproben und so weiter statt. Auch da bin ich für die Orga verantwortlich.
 
Wie kann ich mir da die Zusammenarbeit mit der 1. Aufnahmeleitung vorstellen? Du hast den Überblick über das große Ganze und die 1. AL übernimmt die Detailplanung?
Korrekt. Die 1. AL ist die Lebensversicherung der Produktionsleitung. Wenn die 1. AL gut ist, funktioniert die Produktion. Ich frage zum Beispiel die Masken- und Kostümmobile an, bespreche den Zeitraum und den finanziellen Rahmen. Aber wie das Maskenmobil von A nach B kommt und ob eine Waschmaschine im Kostümmobil ist, bespricht die 1. AL. Da bin ich irgendwann im operativen Geschäft ein bisschen raus. Aber wenn die 1. AL anfängt und ich bis dahin noch kein Catering, keine Mobile und keine Set-AL organisiert habe, wird es schwierig. Ich habe aber den Anspruch an mich, dass ich auch weiter informiert bleibe. Ich mag es überhaupt nicht, wenn zum Beispiel die Regie mich fragt, wie wir bestimmte Dinge lösen, und ich auf die 1. AL verweisen muss.
 
Wie viele Positionen der Stabliste werden dir vorgegeben?
80 % sind vorgegeben, aber mit den Wunschkandidat:innen muss man sich natürlich auch erstmal einig werden. Bei den übrigen 20 % komme ich ins Spiel, da ist mein Netzwerk extrem wichtig, ich mache dann Vorschläge. Ich persönlich – und das unterscheidet mich vielleicht von anderen PLs – hasse nichts mehr als Gagenverhandlungen. In den meisten Fällen sind sie das wert, was sie gerne haben möchten. Warum soll ich da um 50 € pro Woche verhandeln? Ich mache das nur, wenn mir die Gage unangemessen erscheint. Wenn die Szenenbildassistenz vom Szenenbild gewünscht ist und eine ganz normale Gage fordert, soll ich dann sagen: «Hey, vielleicht 20 € weniger?» Das ist doch sofort ein Downer.
 
Wenn idealerweise bis Drehbeginn alles vorbereitet ist, wie verändert sich deine Arbeit während der Drehzeit?
Ich fange an Sachen aufzuarbeiten und Dinge wie Kosten-Monitoring und Reportings zu machen, Pflege von Vertragslisten, Pflege von Fahrtlisten. Wenn der Dreh losgeht, habe ich die Chance, mich um solche Dinge zu kümmern. Ich muss weiterhin natürlich darauf achten, ob die Organisation und die Drehplanung funktionieren. Als PL bist du das Nadelöhr zwischen dem, was am Set geschieht, und der Produktion.
 
Wie oft bist du am Set?
Ich bin sehr gerne am Set! Nicht, um die Leute zu kontrollieren, sondern weil ich es mag, dass man sich weiterhin austauscht und Teil des Teams ist. Wenn ich nicht am Set wäre, würde ich 75 % der Leute vom ersten bis letzten Drehtag nicht mehr sehen. Deswegen ist es mir wichtig, zumindest drei- bis viermal die Woche für ein, zwei Stunden am Set zu sein. Einfach, damit man für die Leute da ist und sie bei Bedarf Fragen stellen können.
 
Hat deine Arbeit auch kreative Elemente, oder ist das ein reines Handwerk, das man lernen kann?
Ich empfinde es als kreativ, wenn wir ein Budget von 10.000 € für Stunts haben, das Angebot der Stunt-Kolleg:innen bei 20.000 € liegt und ich es hinbekomme, dass wir für 12.000 € die Stunts machen. Ich habe dann meine Organisations- und Verhandlungsskills sowie mein Netzwerk genutzt, um das möglich zu machen. Man muss einen Grundstock an Wissen haben, aber die Kompetenzen, die man als PL haben muss, sind hauptsächlich Empathie, Kommunikation und Interesse. Es wäre aber cool, wenn man einen Dreisatz kann oder weiß, wie sich die Lohnnebenkosten zusammensetzen. Man muss auch Lust darauf haben, dass man gefordert wird und dass man das Projekt als großes Ganzes betreuen muss. Du musst es irgendwie mögen in der Verantwortung zu stehen. Du musst auch Multitasking-fähig Bock darauf haben, von morgens bis abends unter Strom zu stehen.
 
Wie wichtig ist Verhandlungsgeschick?
Verhandlungen sind ein Riesenthema. Es ist ja nicht so, dass du in der Position ins Geschäft gehst und fünf Äpfel kaufst, sondern du gehst ins Geschäft und sagst: «Wir hätten gerne an zehn Tagen 20 Äpfel, können wir da irgendwie was machen?» Wenn der Preis für mich okay ist, okay. Wenn ich denke, der ist übertrieben, rede ich darüber. Das ist immer eine Einzelfallbetrachtung, aber du musst Lust auf Verhandlung haben und sehen, wo man überhaupt verhandeln kann. Wenn eine Drohne am Tag 800 € kostet, frage ich ja nicht, wie es mit 750 € aussieht. So etwas finde ich bescheuert. Man muss die Situation und die Auftragslage verstehen. Da kommt das Thema Empathie wieder dazu.

Das finde ich spannend, weil gerade junge Kolleg:innen manchmal den Eindruck haben, dass sie am Anfang der Karriere mal bei Gagenverhandlungen über den Tisch gezogen wurden und dass die PL dabei fast eher der Gegner ist. Wenn ich dich richtig verstehe, würdest du für dich vehement widersprechen und nicht sagen, dass du für die Produktion die Rolle des Bad Cops einnehmen musst?
Definitiv! Es ist ein riesengroßes Problem, dass die Produktionsleitung als Instrument empfunden wird, das Geld sparen will. So ist es nicht und dieser Ruf muss sich ändern. Das machen auch ganz viele meiner Kolleg:innen falsch. Was du gerade erzählt hast, nervt mich fast schon wieder. In vielen Produktionen ist es immer noch so, dass man sofort runtergehandelt wird. Darum geht es aber eigentlich gar nicht, das ist in meinen Augen vollkommener Quatsch. Es geht darum, für das Projekt die gemeinsame Basis zu finden.
 
Hast du aus deiner Position heraus einen Verhandlungstipp für Filmschaffende, also für deine potenziellen Gegenüber bei Verhandlungen?
Es gibt nur einen Tipp: den Preis nennen, den man wert ist. Es gibt eine Gagentabelle*, man weiß, was man im letzten Projekt bekommen hat, man kennt die Gagenerhöhungen. Wenn man das fordert, was man gerne hätte und wert ist, muss man nicht verhandeln und im Zweifel sonst das Angebot ablehnen.
 
Ich glaube, viele haben die Sorge, dass die Produktionsleitung sie nie wieder anruft, wenn sie einmal nein sagen.
Ganz im Gegenteil. Ich habe lieber jemanden, der nein sagt, als jemanden, der «ja aber» sagt und fragt, warum wir so wenig zahlen. Sag doch nein, das ist doch völlig in Ordnung.
 
Gerade Berufsanfänger:innen kommen manchmal in die Situation, dass sie, um einen Fuß in die Branche zu bekommen, sogar unter der Tarifgage arbeiten. Von einigen Filmschaffende hört man dazu: «Das gehört dazu, das musste ich am Anfang auch machen». Wie stehst du dazu?
Es geht schon bei Praktikant:innen los. Beim Praktikum gibt es maximal 8-Stunden-Tage. Das Blöde ist, dass ich am Set eigentlich Leute brauche, die zehn Stunden arbeiten können. Ich muss Menschen, die ein Pflichtpraktikum machen, kein Geld zahlen. Ich persönlich finde aber, es sollte mindestens 100 € die Woche geben. 400–500 € im Monat finde ich okay für ein Orientierungspraktikum. Berufsanfänger:innen sind nochmal ein anderes Thema. Ich finde, man kann unter die Tarifgage gehen, wenn die Leute nicht das tun, was im Tarifvertrag* steht. Wenn jemand eine vollwertige 2. Regieassistenz ist, sollte man die Tarifgage einer 2. Regieassistenz bezahlen. Wenn die Leute das zum ersten Mal machen, kann man da etwas runtergehen, finde ich. Ich mache das so, dass ich mit den Leuten über ihre Aufgaben rede und dann deren Gehaltsklasse definiere. Aber der aufgerundete Mindestlohn wird es schon. Das sollte man definitiv bezahlen.
 
Wo wir von Berufseinsteiger:innen sprechen, lass uns auch darüber reden, wie du Produktionsleiter geworden bist. War dir nach der Schulzeit direkt klar, wie es für dich weitergeht?
Nach dem Abi und dem Zivildienst habe ich überhaupt keine Ahnung gehabt, was ich machen soll. Ich habe mich für alle möglichen Medien-Studiengänge eingeschrieben, die es gibt, weil ich dachte Film ist cool, Fernsehen ist cool, Internet ist cool. Mit einem 3,3er-Abi kann man leider auch nicht so viel machen. Ich wurde an der Uni Duisburg-Essen für Kognitions- und Medienwissenschaften angenommen. Aber nach einem Jahr habe ich gemerkt, dass ich gerne arbeiten will. Über eine Freundin habe ich mich bei der Produktionsfirma Endemol in Köln beworben. Von 2009 bis 2012 habe ich meine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien dort gemacht.
 
Worum geht es bei der Ausbildung?
Im Grunde ist es ein Einzelhandelskaufmann mit Medienschwerpunkt. Man lernt BWL, VWL, Buchungssätze und alles, was dazugehört. Und ein bisschen was über die Film- und Fernsehgeschichte und was man eigentlich beim Film und Fernsehen macht. Das war eine ziemlich gute Ausbildung bei Endemol, da kann ich nur Positives berichten.
 
Du warst dann aber auch nochmal an der Filmuni Babelsberg.
Genau, ich habe nach der Ausbildung weiter für Endemol gearbeitet und dachte, ich bin jetzt in dem Produktionsding drin und bin schon einmal mit Joko und Klaas für Duell um die Welt um die Welt, jetzt gehe ich an die Filmuni und studiere Produktion. Tatsächlich wurde ich 2012 angenommen, habe es aber 2013 wieder abgebrochen. Das hatte bei mir auch persönliche Gründe, ich wollte einfach Filme machen und damit auch zumindest ein bisschen Geld verdienen. Ich habe kein Bafög und keine Unterstützung von meinen Eltern bekommen, deswegen war ich an einem gewissen Punkt einfach broke und musste es abbrechen.
 
Du bist danach aber sehr schnell in den Positionen aufgestiegen. Hast du das bewusst forciert?
Nein, ich habe schweren Herzens das Studium abgebrochen und dann eine Festanstellung bei der Florida TV als Aufnahmeleiter bekommen. Da habe ich ein Monatsgehalt von 2.800 € brutto bekommen, das war für mich als ehemaliger Student extrem viel Geld. Bei der Florida TV herrschte damals ein bisschen Aufbruchsstimmung, die sind ganz schnell groß geworden. Und ich bin auf einmal zum 1. Aufnahmeleiter aufgestiegen. Ich habe ein paar Jahre als 1. AL gearbeitet und ein Weekly* Format gemacht, Circus Halligalli. Ich mag ja Entertainment, das hat extrem viel Spaß gemacht. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich da mal ein bisschen ausbrechen und Job Hopping machen muss. Ich bin dann zur RedSeven gegangen, habe ein Jahr als 1. AL Germany’s Next Topmodel gemacht, bin dann aber wieder zurück zur Florida TV. Da hatte ich schon vier Jahre Erfahrung als 1. AL und wurde gefragt, ob ich nicht Junior Produktionsleitung machen möchte. Innerhalb von sechs Jahren bin ich vom Set-AL zum Produktionsleiter geworden.
 
Wieso bist du dann aber in der Fiction* gelandet?
Die Fiction war immer in meinem Hinterkopf, aber ich wusste nie, wie ich da reinkommen soll. Ich dachte, ich bin voll im Entertainment-Ding drin, wie soll ich mal einen Film machen? Irgendwann habe ich bei Crew United* gesehen, dass der Bremer Tatort eine neue PL sucht. Ich habe dreimal mit der Geschäftsführung, dem Producer und der Herstellungsleitung telefoniert und irgendwann haben sie gesagt, dass sie das gerne mit mir machen würden.
 
Ist die Hürde zwischen Non-Fiction* und Fiction* also gar nicht so groß, wie man vielleicht glaubt? Kann man deiner Einschätzung nach vom Entertainment zum Spielfilm und wieder zurück wechseln? Ich habe eher den Eindruck, dass das sehr getrennte Welten sind.
Das stimmt schon. Als ich letztes Jahr zur Fiction gewechselt bin, habe ich das, glaube ich, ganz gut hinbekommen, aber das war extrem schwierig. Man muss ein gutes Ego haben und seinen Stiefel fahren, man muss sich aber auch zurücknehmen und akzeptieren, wenn vorher Dinge immer schon anders gemacht wurden. Der Wechsel ist möglich, aber man muss das wirklich wollen. Ich empfehle jeder und jedem PL das zu machen, weil es den Blick erweitert und es für die persönliche Laufbahn extrem gut ist. Ich plädiere dafür, dass Leute eine Show machen, dass Leute mal Mein Mann kann oder Hot oder Schrott machen und sich beim Tatort versuchen. Es ist cool, die Erfahrungen zu sammeln. Ich glaube, mittlerweile ist die Branche auch offen dafür.
 
Würdest du rückblickend deinen Weg auch heute nochmal so gehen?
Ich würde vielleicht das Studium der Kognitions- und Medienwissenschaften skippen. Aber ich empfehle allen Leuten: Versucht als Set Runner* oder 2. Regieassistenz beim Film reinzukommen. Wenn es keine Arschloch-PLs sind, bekommt man das auch ein bisschen bezahlt. Und wenn man ein Studium an der Filmuni, der DFFB, in Ludwigsburg oder in München macht, sollte man es durchziehen, wenn man Bock darauf hat. Die Connections, die man dort bekommt, bleiben. Ich habe jetzt noch Kontakt zu den Leuten, die ich in den zwei Semestern kennengelernt habe.
 
Wie viele der Produktionen, die du gemacht hast, würdest du auch privat schauen?
Privat gucke ich aktuell alles. Mir ist sehr wichtig, dass ich etwas mache, das ich mir auch angucken würde. Ich habe einmal ein Projekt gemacht habe, das relativ lang ging, bei dem ich nicht dahinterstand, das würde ich nicht nochmal machen. Am Ende stellen wir ja ein Produkt her. Wenn man zum Beispiel Gute Zeiten, schlechte Zeiten macht, ist das für viele ein gutes Projekt, weil man planen und es sich irgendwie angucken kann. Aber mir persönlich wäre das, glaube ich, nicht genug. Tatort ist für mich eine Sache, die ich mir grundsätzlich immer gut angucken kann. Jerks mag ich sehr gerne, Joko und Klaas habe ich immer gerne gemacht, da stehe ich total hinter. Mir ist sehr wichtig, was man am Ende sieht und was auch der moralische Zuschauer sieht.
 
Findest du es wichtig, dass Filmschaffende diese Haltung haben? Vielen ist es ja egal, was im Drehbuch steht.
Es geht gar nicht, dass alle diese Haltung haben. Ich habe vier Jahre bei Endemol gearbeitet, ich kenne Leute, die den übelsten Crap machen, das ist auch okay. Es ist okay, dass die Ex on the Beach oder die dritte Castingshow für Sat.1 machen. Das ist deren Job, ich habe da vollkommen Respekt vor. Ich habe mich damals wohlgefühlt, bin aber irgendwie rausgewachsen. Ich kann auch nicht leugnen, dass mir die Arbeit bei Endemol und RedSeven extrem viel Spaß gemacht hat, weil da wirklich nette, coole Leute gearbeitet haben. Aber ich finde es wichtig, dass die Leute ihre Grenzen haben. Für Germany‘s next Topmodel zu arbeiten ist eine Ansage, das muss man wollen. Auch den Bergdoktor muss man wollen. Es ist bestimmt geil in Tirol abzuhängen, aber ich möchte den Bergdoktor auch nicht machen. Es gibt in jedem Genre Dinge, auf die man Bock hat oder nicht.
 
Du hast die Arbeitsbedingungen, die dein Job und die Branche mit sich bringen, schon kurz angesprochen. Auch die Work-Life-Balance und die Jobsicherheit sind für viele ein wichtiges Thema. Hast du das Gefühl, dass du bei deinen Produktionen Einfluss darauf hast?
Da habe ich Einfluss drauf, definitiv. Jede PL, die etwas anderes behauptet, lügt. Ich kann sagen, worauf wir das Augenmerk legen und ob man zum Beispiel 2.000 € aus dem Budget nimmt, um sich eine:n Set Dresser:in zu leisten, die dem Szenenbild Arbeit abnimmt. Manche PLs beschäftigen sich damit nicht ausgiebig genug, wie ich finde.
 
Wie ist das mit rabiaten Maßnahmen wie dem oft angedrohten «Stecker ziehen», hast du das schon mal machen müssen? Ich habe es noch nie erlebt, dass eine PL ans Set kommt und den Drehtag beendet, egal wie lang der Tag war.
Das sogenannte «Stecker ziehen» muss man in einer guten Produktion nicht machen. Ich habe das aber schon gemacht. Es gibt bestimmte Gesetze und das wissen alle. Man kann ja immer das Team fragen, ob es okay ist, ein bisschen länger zu arbeiten. Aber irgendwann kommt man an den Punkt, wo das komplette Kernteam mehr als zwölf Stunden arbeitet. Wenn du die Gesetze missachtest, machst du dich strafbar. Und zwar als Produktionsleiter. 13 Stunden sind verboten, das geht nicht. Deswegen habe ich da Einfluss drauf. Wenn wir länger drehen müssen, dann im Schichtsystem. Mit so etwas beschäftige ich mich 60 % des Tages. Das kann man nicht auf alle PLs übertragen, aber ich mache das so. Man muss es zumindest es besprechen und versuchen, das zu verändern. Wenn die Set-AL immer zwölf Stunden am Tag hat, überlege ich, ob ich noch eine Assistenz einkaufe und die vielleicht im Schichtsystem arbeiten.
 
Wie geht es bei dir in den nächsten Jahren weiter, wenn du es dir aussuchen kannst? Hast du konkrete Ziele und Pläne?
Es gibt keine konkreten Pläne. Ich fühle mich sehr wohl in der Projektarbeit und der Markt bietet sehr viele schöne und spannende Projekte. Ich schließe nicht aus, mich auch einmal wieder fester an eine Produktionsfirma zu binden. Da muss aber dann schon vieles stimmen für mich. Grundsätzlich bin ich sehr glücklich, dass man sich oft die Projekte aussuchen kann. Ich kann also auch entscheiden mit wem ich arbeiten möchte und mit wem nicht. Aber die Branche ist klein und grundsätzlich sehr erträglich. Ich bin da sehr happy. Mal sehen, was kommt.
 
Danke Dir, Pascal!